Von Pelztierkochern und anderen Absurditäten

 

"Die Tagebücher von Kommissar Zufall" von half past selber schuld im FFT Düsseldorf

 

ANNETTE DABS

 

Vor fünf Jahren haben Politiker mitten in Düsseldorfs Innenstadt mit dem Forum Freies Theater zwei Spielorte für Produktionen der freien Theaterszene zur Verfügung gestellt. Nicht aber das nötige Geld, um produzieren zu können. Das müssen die Gruppen schon selbst mitbringen. In Nordrhein‑Westfalen liegen die Zuwendungen für die freie Szene weit unter dem Durchschnitt der anderen Bundesländer. Und die aktuellen Etats werden

 

gerade landesweit zum zweiten Mal von 15 % Kürzung bedroht. Laut Kathrin Tiedemann, der neuen Leiterin des FFT, solle man dann nicht kritisieren, dass die freie Szene in NRW keine überregionale Ausstrahlung habe und es kaum eine freie Gruppe von internationaler Bedeutung gäbe. Tiedemanns Team ist sehr klein, sie bezeichnet die Situation mit leichter Ironie als "effiziente Struktur". Mit diesem Team ist sie nun in die Saison gestartet.

 

Die heimische Szene wir mit einer neuen Produktion des Düsseldorfer Duos half past selber schuld vertreten. Seit 1998 entwickeln die russisch‑israelische Musikerin und Komponistin Ilanit Magarshak Riegg und der Autor und Comiczeichner Frank Römmele Projekte im Bereich Musik und Bühne sowie Hörspiele. Auch "Die Tagebücher von Kommissar Zufall" entstanden zunächst als Hörspiel, bevor sie nun als Bühnencomic zur Aufführung kamen. Die Handlung ist schnell erzählt: Kommissar Zufall

 

will endlich seinen Erzrivalen, den Maschinenpapst Favorit, stürzen und Robust, seine eigene Mutter, inthronisieren. Dafür erschafft er, der Erfinder des Pelztierkochers und des Elektrolexikons, ein Gedankenvirus, das im letzten Stadium zur Gehirnauslöschung führt. Die Prognose über den Anstieg von unglücklichen Zufällen warnt den Kommissar vor eigener Ansteckung. Also muss Doktor Buchstabe her, langjähriger Freund und Arzt des Kommissars, der den Eindämmungsanzug zur Minimierung der persönlichen Verwirrung entwickelt hat. Die Dinge geraten außer Kontrolle, es droht die Apokalypse. So weit so klar ...

 

Das Handlungschaos hat Methode, so wie alles, das sich in diesem Bühnencomic zu einem Ganzen formt: Die durchkomponierte Musik gibt eine präzise Struktur vor, man könnte von einer zeitgenössischen Oper sprechen. Auch der Text folgt einer rhythmischen Partitur. Verschiedene Musikstile von Pop über Klezmer bis zur Neuen Musik ‑ von hervorragenden Musikern eingespielt ‑ kommen über Band. Deshalb müssen Mikroports eingesetzt werden, wodurch die Texte mitunter etwas zu laut geraten. Eindrucksvoll sind auch die Trickfilme (Thorben Korpel) und animierten Grafiken (Krischan Ahlborn) im Bühnenhintergrund. In Farb‑ und Formgebung sind sie ein Genuss und stecken voller überraschender Details. Gelegentlich schiebt sich ein Scherenschnitt hinter die Videoleinwand ‑ Schattentheater, das sich bestens eignet für solch eine phantastische Geschichte.

 

Nun kommt aber noch das Bühnengeschehen hinzu, und es entsteht ein merkwürdiges Durcheinander: Die Kostüme sind futuristisch‑schrill, die Requisiten ebenso trashig wie die Puppen, die von KASOKA stammen, und alles, selbst das stark choreographierte Spiel, wirkt etwas unfertig oder dilettantisch, dramaturgische Schwächen werden deutlich, und in der Überfülle der Ideen fragt man sich, ob nicht weniger mehr gewesen wäre. Aber genau das mag es sein, was half past selber schuld beabsichtigen: ein Zuviel von allem, ein Sammelsurium von Absurditäten und Banalitäten, ein Zettelkasten voller verlorener und recycelter Satzfetzen, Gedanken zwischen Wahn‑ und Tiefsinn, die ordentlich durchgeschüttelt zu ihrer Potenzierung und unweigerlich zur Apokalypse führen müssen. Half past selber schuld zeigen unser komisches manipuliertes Leben so, wie es einem aus TV und PC, aus Magazinen und Mangas entgegenschreit, wie es einem in Angstträumen und Vorstandsetagen begegnet ‑ vielleicht so, wie es ist.

 

"Die Tagebücher von Kommissar Zufall", half past selber schuld, FFT Düsseldorf Foto: Krischan Ahlborn