Rheinische Post     Samstag, 5. Oktober 2002
"Die Sündenvergebmaschine" - ein "Absurdical" in den Kammerspielen
Dreiste Collage der Schöpfungstage
Laute Raupen. Vier sprechende Großmaden beobachten aus ihrem Stachel-Iglu eine Neuauflage der Schöpfungsgeschichte in sieben Phasen. Natürlich ganz anders als in der Bibel, die immerhin auch schon zwei Versionen der Weltentstehung zur Wahl stellte: die salomonische mit der Schöpferwoche und eine andere aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft mit dem Paradies, Adam und der Rippen-Eva.
Wenn jetzt in den Kammerspielen die Rippengeschichte umgedreht wird, dann ist das keine antisexistische Volte sondern kleines Puzzlestück in einem schnellen Hörspiel mit Bildern. "Die Sündenvergebmaschine" ist eine Produktion der freien Gruppe "half past selber schuld." Wer derart dreist in die Gattungsbibliothek greift, klare Begriffe nach Belieben vermischt und seine Kunstbehauptung dann "Absurdical" oder "Science fiction comic" nennt, der schreckt auch vor Raubkopien nicht zurück.
Die russisch-israelische Musikerin Ilanit Magarshak-Riegg und der
deutsche Bildkreativist Frank Römmele, alias Sir ladybug beetle, als Hauptakteure für die Inszenierung verantwortlich, präsentieren eine schrill-bunte Collage aus Bühne und Film, Monty Python und Fritz Lang, Psychedelischem und Friedensreich Hundertwasser.
Ihre Knittelverse heizen sie zu Stimmungen auf mit jüdischer Klezmermusik und einem rasanten Verschnitt aus Trash und Independent Rock. Entsprechend ist der filmische Nachspann der Mitwirkenden länger als bei einem Hollywoodfilm.
Die sieben Phasen der "Sündenvergebmaschine" beginnen mit Pflanzen und Tieren und kommen dann zum Menschen. Der ist als Todgucker zu besichtigen, der Glotze und der Leinwand bis zur Trostlosigkeit hingegeben. Oder als Fleischfresser, der für den bedrohten Pangolan (Christian Morgensterns Nasobem lässt grüßen) zu Geldspenden aufruft, gleichzeitig aber an der offenen Flanke eines Tieres mit unbegrenzt wachsendem Fleischvorrat knabbert.
Arier und Vegarier verrücken ihre
Stühle zum Schneller-Leben oder Schnell-Erleben. Der Staat verheddert sich in seinen Sprüchen: "Ich sorge mit Gewalt für Sicherheit." Für die Spezies der Wissenschaftler gibt es eine eigene Phase. Die Biologie ist ersetzbar, und die Mediziner wollen abheben. "Schwester Beate, mehr Opiate!"
Thema der fünften Phase sind die Maschinen und Roboter, die mit schnarrender Stimme Adolf Hitler imitieren und sich bei wem auch immer anbiedern: "Ach bitte, bitte, sorg für mich, ich bin ganz klein." Schließlich bricht in der sechsten Phase, also nach biblischem Verständnis dem jüdischen Sabbat, das Chaos aus. Aus "Sorg für mich" wird "Sarg für mich," und die Fleischfresser greifen zur finalen Ketchupflasche.
Danach herrscht Ruhe in den Kammerspielen. Phase sieben: Feiertag. Und der Rezensent sah, dass es gut war, was andere geschaffen hatten. Und es ward Nacht.
CLAUS CLEMENS