Seite 50 / Süddeutsche Zeitung Nr. 233
NRW-FEUILLETON Mittwoch, 9. Oktober 2002

     
  Fabelhafte Welt der Schuldigen

"Die Sündenvergebmaschine" im Forum Freies Theater
Düsseldorf - Die frohe Botschaft zuerst: Es gibt die "Sündenvergebmaschine" - nach früher unzureichenden Versuchen mit dem Ablasszettel. Es handelt sich aber keineswegs um einen vollautomatischen Beichtstuhl, sondern um ein theätrales Gesamtkunstwerk, in dem ein Zeitreisender erzählt, wie eine Parallelwelt, die der unseren sehr ähnelt, entsteht und untergeht. Zu bestaunen ist das Stück im Düsseldorfer Forum Freies Theater, wo es auch produziert und im Rahmen der "start-up"-Reihe uraufgeführt wurde.
Am Anfang war der Wurm. Er und seine Freunde behausen den Berg des Propheten und besingen: die zweite Genesis als "absurdical in sieben Phasen". In diesem Comic-haften Universum jagen gezeichnete Wolken über eine blaue Leinwand; wasserfarbene Urtiere sterben kämpfend aus; futuristische Papp-Birken-pflanzen sich an den Bühnenrändern auf und mutieren im Lauf der 90- minütigen Evolution zu "Metropolis"-Wolkenkratzern, aus denen babylonisches Stimmengewirr jammert, während eine Armee von Trickfilm-Robotern im Stechschritt den Bildschirm erobert.
Die multimediale Synopsis des Ensembles half past selber schuld um die israelisehe Komponistin und Musikerin Ilanit Magarshak-Riegg und den deutschen Comic-Zeichner Sir Ladybug Beetle zeigt keine Heiligen, sondern hirnwütig-skurrile Gestalten, die der Beatles-LP "Sergeant Pepper's" oder Monty Pythons "Flying Circus" entsprungen sind.
Als "Ideenwerfer" oder "Todgucker" trippeln und tänzeln die beiden Akteure in ihren schrillen Kostümen vor musizierenden Schattenrissen, lassen Wissenschaftler als Handpuppen von der Unsterblichkeit träumen, beten als TV-Kids die Leinwand an und glotzen Krieg: Rattatatat. Was die liebevoll gebastelte Welt im Innersten zusammenhält, ist ein dicht gewebter Klangteppich, der die Sounds von Blixa Bargeld über einen christlich mähenden Schafs-Chor bis zu coolen Jazz-Intermezzi unaufdringlich miteinander verknüpft und assoziativ unter die apokalyptischen Visionen legt.
Nicht umsonst wurde "Die Sündenvergebmaschine" von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt und den ARD-Anstalten zum Hörspiel des Monats April 2002 gewählt. Bei der theatralen Übersetzung buchstabieren half past selber schuld (zuständig für Buch, Musik, Regie) in eigenwilliger und phantasievoller Bildersprache das Bühnenalphabet neu und lassen die "wahre Welt" so zur Fabel werden.
Nach diesem psychedelischen Höropern-Trip fühlt man sich zwar nicht geläutert, aber clean und als schöpferischer Co-Produzent ein bisschen so wie Gott, als er sah, was er geschaffen hatte, und fand, dass es gut war. (10. bis 12. Oktober, 20 Uhr; FFT-Kammerspiele) THOMAS WILLEMS