Kakerlaken haben ganz eigene Interessen

Ein Comic funktioniert auch auf der Theaterbühne. Das beweisen die Multitalente von "half past selber schuld". Ihre musikalische Story um den Antihelden Kommissar Zufall im Nonsens-Universum ist ein visueller Volltreffer

Mit "Die Tagebücher von Kommissar Zufall" präsentiert das Düsseldorfer Künstlerduo Frank Römmele und Marko Erak-Bonsink einen ausgefallenen Bühnencomic in den Kammerspielen des Forum Freies Theater (FFT), mit Noten und Tat unterstützt von der israelischen Komponistin Ilanit Magarshak-Riegg. Ihre letzte Arbeit "Sündevergebmaschine" bleibt keine kuriose Eintagsfliege.

Die Produktion ist in allen Belangen stimmig, ein bisschen Kritik wäre nur an Dramaturgie zum Ende hin zu üben, aber auch nur weil es sonst gar nichts zu bemängelt gibt. Der selbst produzierte Comic ist visuell absolut überzeugend. Die Kostüme sind hervorragend. Die Nutzung der Videowand als Requisite, die leere Bühne nebst mitwirkenden Schaumstoffpuppen, die Arbeit mit Licht und Musik, alles erste Sahne. Und die Handlung auch noch wunderbar abgedreht.

Kommissar Zufall, der verrückte Gesetzeshüter in einem abstrusen Comic-Universum will seinen Bruder, den Maschinenpapst Favorit stürzen und seine Mutter Mia Gut installieren. Dazu erfindet er eine Krankheit - den hochansteckenden Gedankenvirus, der sich bereits überträgt, wenn jemand an eine andere Person denkt. Sein Freund und Arzt Dr. Buchstabe soll dafür zum Schutz seinen aus Kakerlaken gemachten "Eindämmungsanzug zur Minimierung der persönlichen Verwirrung" liefern, mit allen daraus folgenden Konsequenzen für Zufall: Krabbeln und gesteigerter Wahnsinn, denn die Kakerlaken haben ganz eigene Interessen.

Die Geschichte endet glücklicherweise in einem Chaos, das sich von der schizophrenen Realität des Beginns nur marginal unterscheidet, obwohl eigentlich alle vom Virus hinweggerafft werden. Der virtuelle Nachrichtensprecher auf der Videowand ist zusammen mit dem anpassungsfähigen Kakerlaken-Kollektiv wohl der einzige, der entkommt. Das macht eine Fortsetzung der schrillen Geschichte natürlich nicht unmöglich. Unbedingt erwähnenswert ist die Präzision mit der "half past selber schuld" ihren technisch aufwändigen Bühnencomic durch die Premiere treibt. Alle arbeiten über eine Stunde wie ein Uhrwerk, jede Bewegung sitzt, Texthänger ausgeschlossen.

Die Zivilisationskritik der Multitalente, der Autoren, Zeichner und Schauspieler in einem, kommt erst bei einer näheren Analyse zum Tragen. Genforschung, Technikhörigkeit, aber auch das staatliche Machtmonopol werden gnadenlos durch den Kakao gezogen. PETER ORTMANN


FFT Kammerspiele, Düsseldorf
Sa und So, 20:00 Uhr
Infos: 0211-87678710

taz NRW vom 6.11.2004, S. 3, 87 Z. (Kommentar), PETER ORTMANN