WZ Samstag, 5. Oktober 2002        
Schöpfungsgeschichte als Gruselkabinett
In den FFT Kammerspielen zeigt das Düsseldorfer Ensemble "half past selber schuld" seine skurrile "Sündenvergebmaschine".
Von Martina Thöne

Die Schöpfungsgeschichte als Gruselkabinett - das fängt ja gut an. Denn "half past selber schuld" sind ihrer Zeit voraus. Halloween ist noch gar nicht da, aber Ilanit Magarshak-Riegg und Frank Römmele, das israelisch-düsseldorfer Künstlerduo, sorgen bereits für eine gespenstische Stimmung.
Zum Sprachrohr ihres Stücks machen sie Herbert Willems, der alles hat, was zu einem mysteriösen, zeitreisenden Erzähler dazugehört: ein verschwörerischer Unterton und eine schwarze Kutte. Sein Gesicht ist verdeckt, allein der Mund von unten angestrahlt. Was uns so viel Geheimniskrämerei sagen soll? Vielleicht, dass bei der Schöpfungsgeschichte vieles im Dunkeln liegt. Eher
noch, dass man sich auch mal von schwarzem Humor mitreißen lassen kann, ohne gleich auf Hintersinniges zu pochen. Und dass, wer im modernen Versepos eine tiefere Bedeutung sucht, am Ende doch fündig wird.
Skurrile Auswüchse der Menschheit zeigt die "Sündenvergebmaschine" schließlich mehr als genug. "Lass uns etwas schneller leben", ist der Slogan des modernen Schöpfungsakts, dem die Inszenierung zu beleuchten sucht. Auf der Bühne wird ein gewaltiges Tempo vorgelegt - mit einem reizvollen Kontrast aus fantasievoller Optik und nüchternen Satzwiederholungen, die die leere Phrasen in den Kammerspielen ad absurdum führen. Die seziert vor allem Frank Römmele alias Sir Ladybug. Beetle trefflich: Zwischen
Wahnsinn und Naivität siedelt er seine Figur an, die mit dem Fernseher kommuniziert und doch nur schlechte Nachrichten und Kriegsbilder zu sehen bekommt. Immerhin, die fortschrittliche Chirurgie macht's möglich: Ein unerwünschtes Wort lässt er sich aus seinem Sprachschatz schneiden - und kann sich nach der OP partout nicht an den Störenfried erinnern. Wen wundert's?
Der größte Hingucker ist ohne Zweifel das unglaublich wandelbare Bühnenbild. Zwar bewegt sich der quietschbunte Bilderbogen aus Musik und Projektionen hart an der Grenze zur Reizüberflutung. Schrille Kostüme und skurrile Gestalten sorgen. aber auch für einen grellen Theaterspaß. Mit viel Applaus übersahen die Gäste der Uraufführung deshalb, dass "die sündenvergebmaschine" nur im Titel existiert. Ihre Laster mussten sie wieder mit nach Hause nehmen. Schade eigentlich.
FFT Kammerspiele, Jahnstraße 3, 80 Minuten, keine Pause, 5. 10.,10.-12.10., 20 Uhr, Karten 8549987.
 
Schrille Bilder, fantasievolle Kostüme, abstrakte Texte: "Die Sündenvergebmaschine" liefert Erlebnisse für Auge und Hirn.